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Silat ist noch unbekannt. Ein Test zeigt: Diese Form der Selbstverteidigung macht Spaß und hält fit.

Während andere am Sonntag auf dem Sofa entspannen, rüstet sich eine kleine Gruppe im Übungsraum des TV Lemgo zum Kampf. Natürlich nur zu Übungszwecken, die Silat-Sportler sind eine durchweg sympathische Truppe. Aber hinter den geschmeidigen Übungen steckte einst blutiger Ernst.

Silat ist eine Kampfkunst, die im Gebiet um Malaysia, Indonesien und Borneo beheimatet ist. Dort gibt es hunderte Varianten, die traditionell innerhalb der Familien weitergegeben wurden. Seit einigen Jahren werden einzelne Formen auch außerhalb der Clans unterrichtet. Die Variante, die beim TV angeboten wird, heißt  "Silat Suffian Bela Diri", abgekürzt mit SSBD. Insgesamt ist dieser Sport aber noch zu jung, um einem System wie bekanntere fernöstliche Kampfkunst-Sportarten eingeordnet zu sein. Sprich: Im Silat gibt es keine Gürtel und keine Prüfungen. Die Bewegungen sind zweckmäßig und wirken einfach, aber dahinter steckt eine ausgeklügelte Technik, um Schwung abzufangen und umzuleiten, ohne viel Kraft aufzuwenden.

Spaß beim Üben: Die Trainingspartner müssen sich aufeinander verlassen können.

Um einen Eindruck zu gewinnen, mache ich einfach beim Training mit. Bevor es darum geht, sich gegen Schläge und sogar Waffen zu wehren, steht ein Aufwärmprogramm an – und wie auch sonst oft im Kampfsport ist die erste Hürde, dieses zu überleben. Unzählige Hampelmänner, Situps und statische Kraftübungen bereiten die Muskulatur vor, Dehnübungen machen beweglich und schützen später vor Verletzungen. Daher ist es wichtig, dass alle richtig warm sind, und deswegen geht es hier schon gut zur Sache. Aber Trainer Alexander Tovote sagt auch: Keiner soll es übertreiben, wenn es nicht mehr geht oder irgendwas wehtut, besser aussetzen. Das nimmt einem hier auch niemand übel, das Miteinander ist gut, alle reden sich mit Vornamen an.

Dann werden Bewegungsabläufe geübt. Es gibt Bewegungen im Stand und am Boden, schließlich soll der Kämpfer, wenn er zu Fall kommt, noch immer wehrhaft sein. Nachdem einzelne Abfolgen von Schritten und Abwehrbewegungen einzeln im Raum geübt wurden, werden sie mit Partnern für den Verteidigungsfall getestet. Hier wird deutlich: Es geht um Abwehr, nicht um Angriff. Diese allerdings effektiv und hart: Da würden im Ernstfall durchaus Knochen brechen, bestätigt Alexander. „Die Techniken kommen direkt vom Schlachtfeld.“

Im Silat wird auch mit Waffen geübt, hier geht es um die Abwehr eines Messerangriffs.

Umso wichtiger, dass alle im Training aufeinander achten und ihre Kraft dosieren. Auch das lernen die Teilnehmer im Training. Denn so viel Kraft ist auch gar nicht nötig. So werden die Hände in der Grundhaltung – sozusagen in Erwartung des Angriffs – an die Schläfen genommen, die Ellbogen nach außen gestreckt. Sehr gefährlich sieht das nicht aus, aber von da aus reicht es, einen Arm zur Abwehr gegen den des Gegners fallen zu lassen. Eine leichte Körperdrehung verleiht der Bewegung zusammen mit der Schwerkraft die nötige Wucht, um den Schlag abzulenken – das erste Prinzip des Silat. „Ach so, ich muss dich gar nicht hauen“, stellt eine Neueinsteigerin auch überrascht fest. Nein, die Arme fallenlassen reicht, wenn die Richtung stimmt.

Und so habe ich beim Training erstaunlich schnell den Eindruck, dass sich die Abwehrbewegungen, die sich am Anfang noch so merkwürdig anfühlten, schon einprägen. Und auch jemand von meiner eher handlichen Statur kann einen Schlag durch Fallenlassen der Arme überraschend mühelos ins Nichts lenken. Die ersten Erfolge motivieren: Silat macht wirklich Spaß.

Abwehrbereit: Mit den Händen an den Schläfen erwartet Trainer Alexander Tovote den Angriff.

Diese Bewegungen lassen sich ausbauen und erweitern. Zusammen mit den beiden weiteren Grundprinzipien – Stoppen und Weiterleiten der Angriffsbewegung – lassen sich so Attacken unterschiedlichster Art abwehren. Geübt wird auch mit Messern und Macheten aus Plastik und Holz. Nebenbei wird Körperkoordination und Balance geschult. Und so leicht und minimalistisch die Bewegungen aussehen, so lassen die fließenden Abläufe erahnen, dass es eine Nähe zum Yoga gibt. „Da hat es definitiv Kontakte mit Indien gegeben“, bestätigt Alexander die Verwandtschaft.

Damit der Sportler in Balance bleibt und die Bewegungen bei wenig Kraft effektiv sind, muss alles stimmen. Alexander Tovote (links) erklärt, worauf es ankommt.

 

Silat bringt den Sportlern viel mehr als die Gewissheit, im Falle eines Falles nicht wehrlos zu sein. Bei der Gruppe im TV Lemgo steht die Fitness an erster Stelle. „Das Training hat mir viel innere Stabilität gegeben, man gewinnt unheimlich an Balance“, betont Tanja. Alexander achtet darauf, dass die Bewegungsabläufe möglichst korrekt und somit schonend ausgeführt werden und dadurch Rücken-, Schulter- und Knieproblemen entgegenwirken. „Das sollte man bis ins hohe Alter können“, erklärt er sein Ziel. Aber wenn jemand doch mal voll übler Absichten in einer dunkeln Ecke lauert, sollte er ein vermeintliches Opfer, das nur ganz ruhig die Hände hebt, trotzdem besser in Ruhe lassen.

Zur Ausrüstung gehören auch Waffen aus Holz oder Kunststoff.

Im neuen Jahr startet ein 6-wöchiger Einsteiger- und Schnupperkurs "Selbstverteidigung" mit Elementen aus der Kampfkunst Silat im TV Lemgo. Ab dem 19.Januar wird sechs mal sonntags von 11 bis 12.15 Uhr in den Kursräumen über dem TeVita trainiert. Vereinsmitglieder zahlen 33 Euro, Nichtmitglieder 36 Euro für den Kurs. Weitere Infos und Anmeldung beim TV Lemgo. 

 

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