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Nach 21 Jahren räumt Dr. Reiner Austermann heute sein Büro. Ab Montag nimmt Markus Baier im Chefsessel der Stadtverwaltung Platz.

Viele junge Lemgoer haben noch gar keinen anderen Bürgermeister als Reiner Austermann erlebt. Und die Stadt hat mit ihm bewegte Zeiten durchgemacht: Die Mittelstraße hat ihr Gesicht verändert, eine Finanzkrise wurde erfolgreich überwunden, Flüchtlinge wurden untergebracht und versorgt. St. Loyen musste in neue Hände übergeben werden. Der Klimawandel stellte die Stadt vor Herausforderungen in Sachen Hochwasserschutz und rund um die Hochschule entwickelt sich ein bedeutendes Zentrum für Wirtschaft, Bildung und Forschung.

Jetzt geht der Bürgermeister fast unauffällig im Schatten der Pandemie, deren Folgen sein Nachfolger Markus Baier wird stemmen müssen. Im Interview blickt er zurück auf den Job, der ihm, wie er immer betonte, viel Spaß gemacht hat – und nach vorne in eine Zukunft ganz ohne politische Verantwortung.

 

Was machen Sie an Ihrem letzten Arbeitstag als Bürgermeister?

Dr. Reiner Austermann: Aufräumen. Ich werde zwei große Umzugskartons mitbringen und meine überwiegend militärischen Erinnerungsstücke und die Schießpokale einpacken. Dann gibt es noch eine Stunde mit Markus Baier, um noch ein paar Akten zu übergeben. Und es gibt eine abschließende Dienstbesprechung mit Pizza. Eigentlich wollten wir den Vorstandsstab noch einmal zum Essen einladen, aber das fällt aus wegen Corona. Es gibt also auch keine große Abschiedsparty oder so etwas.

Wie hat die Zeit als Lemgoer Bürgermeister Sie geprägt?

Austermann: Ich habe mich nie über dieses Amt definiert. Danach ist also nicht mein Leben zu Ende. Aber ich empfinde eine große Dankbarkeit, dass ich 21 Jahre für meine Heimatstadt tätig sein durfte. An mir selbst stelle ich aber fest, dass man mit der Zeit dünnhäutiger wird. Das Fell wird nicht dicker.

Zugleich ist der Ton ist rauer geworden, oder?

Austermann: In Lemgo nicht, aber insgesamt ja. Bisher haben wir hier aber einen vernünftigen Umgangston miteinander, auch in der Politik.

Trotzdem haben Sie mal erwähnt, dass Sie Drohbriefe bekommen.

Austermann: Das gehört wohl dazu. Aber das ist nicht mehr geworden, höchstens einfacher, weil man heutzutage nicht mehr dafür zur Post muss. Eine E-Mail reicht. Aber ich habe mich nie unwohl gefühlt.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Austermann: Natürlich die Menschen, mit denen ich hier jeden Tag zu tun habe, sie werden mir fehlen. Diese Woche war auch schon komisch. Zuvor war immer so viel zu tun, da war mir das nicht so bewusst. Aber jetzt stehe ich auf dem Bahnsteig, der Zug fährt bald ab.

Gibt es etwas, das Sie rückblickend lieber anders gemacht hätten?

Austermann: Natürlich habe ich viele Fehler gemacht. Wenn man vom Rathaus kommt ist man klüger, das gilt besonders in meinem Fall. Fehler mache ich genug, aber das ist nicht schlimm. Wer macht das nicht? Am meisten ärgert mich, wenn ich Menschen nicht gerecht geworden bin. Das merkt man oft erst hinterher, und dann bin ich immer unzufrieden. Aber die Weggabelung, wo wir völlig falsch abgebogen sind, die gibt es meiner Meinung nach nicht.

Über die Corona-Lage sagten Sie im Frühjahr, Sie könnten sich nicht vorstellen in so einer Krise zu Hause zu sitzen und nichts zu tun. Das müssen Sie ab Montag aber. Wie werden Sie das aushalten?

Austermann: Mit der gleichen Geduld wie alle anderen auch. Das müssen ja alle ertragen. Mein letztes Amtsjahr hätte ich mir natürlich anders vorgestellt. So viele schöne Veranstaltungen hätte es gegeben. Ich wollte die Mittelstraße einweihen und das große Feuerwehr-Jubiläum feiern. Es bleibt die Hoffnung, dass es nächstes Jahr besser wird.

Nach 21 Jahren Bürgermeister einer so schönen Stadt, was kommt danach? Gibt es Pläne?

Austermann: Erstmal werde ich versuchen Abstand zu gewinnen. Das wird eine echte Herausforderung, festzustellen, dass ich für all das nicht mehr zuständig bin. Ich werde mich erst einmal um meine Autos kümmern. Für nächstes Jahr ist viel Ehrenamt geplant, aber nichts politisches. Langweilig wird es mir sicherlich nicht.

Es klingt aber doch so als falle es Ihnen nicht leicht.

Austermann: Ja, aber ich bin mir sicher: Es war die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. Jetzt ist Markus Baier dran.

 

 

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