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"Save the Kitz" ist ein Schulprojekt und damit in diesem Jahr verboten. Um die Tiere zu retten sind jetzt Freiwillige unterwegs. Aber auch an die Schüler wird gedacht. (Abo-Beitrag)

Es ist früh. Und kalt. Das ist Absicht, so hat die Infrarotkamera es leichter, kleine warme Körper im hohen Gras aufzuspüren. Denn die kleine Truppe, die sich morgens um sechs Uhr am Rand einer Wiese in Wiembeck verabredet hat, sucht Rehkitze, um sie vor dem Mähwerk des Treckers zu retten.

Die Kitze sind in den ersten Tagen ihres Lebens noch wackelig auf den Beinen. Ihre Überlebensstrategie: Nicht auffallen. Ganz flach liegen sie im Gras, mit ihrem gefleckten Fell gut getarnt, für Raubtiere nicht zu riechen. Damit die Tarnung nicht auffliegt, ducken sie sich bei Gefahr, anstatt wegzulaufen. Werden im Mai und Juni die Wiesen gemäht, ist das aber keine gute Idee. Viele Kitze sterben jedes Jahr bei der Heuernte.

Letzte Handgriffe: Stefan Heuschkel macht die Drohne startklar. (Foto: Marlen Grote)

Eine AG des Engelbert-Kaempfer-Gymnasiums hat dafür eine Lösung entwickelt: Drohnen mit Infrarot-Kameras, die eigens dafür konstruiert werden, große Flächen nach kleinen Tieren abzusuchen. Seit zwei Jahren gibt es das Projekt, und es hat schon viele Kitze gerettet. In diesem Jahr allerdings drohte Corona die Aktion auszubremsen.

Denn „außerschulische Lernorte“ dürfen derzeit nicht genutzt werden, selbst wenn sie im Freien sind. Die Schüler, die teilweise eineinhalb Jahre an den fünf Drohnen in den Räumen des Lüttfeld Berufskollegs gebaut haben, dürfen sie jetzt nicht fliegen. „Die Schüler sind sehr traurig“, berichtet Dr. Daniel Muschiol, Lehrer am EKG, der das Projekt betreut.

Mit einer Infrarot-Kamera sucht die Drohne nach Kitzen im hohen Gras. (Foto: Marlen Grote)

Um trotzdem Kitze retten zu können, wurden Freiwillige gesucht. Mit Erfolg: 35 Helfer ziehen in den Morgenstunden mit den Geräten los. In jedem Team braucht es einen Drohnenpiloten und mehrere Helfer, die die sich um die eigentliche Rettung kümmern.

Und drei dieser Freiwilligen sind an diesem Morgen in Wiembeck im Einsatz. Acht Hektar ist die Wiese groß, die abzusuchen wäre aussichtslos; zumal die Kitze im Gras kaum zu sehen sind. Also startet Stefan Heuschkel die Drohne. Sie fliegt die Wiese völlig selbständig ab, Pilot und Helfer können sich ganz auf das gesendete Bild konzentrieren. Das lässt sich zwischen Wärmebild und Schwarzweißaufnahme umschalten. Warme Bereiche erscheinen rot im Bild, die Kitze sogar weiß im kühlen Gras.

Die Drohne fliegt selbständig, die Piloten behalten die Wärme-Aufnahmen im Blick. (Foto: Marlen Grote)

Die Drohne dreht ihre Runden nach einem vorab einprogrammierten Raster, das der Pilot schon zuvor am Computer erstellt hat. So werden alle Bereiche sicher erfasst. Das Gerät fliegt konstant in 20 Metern Höhe und überträgt die Bilder der Wiese. Wird ein Kitz gefunden, markieren die Helfer zunächst die Stelle. Erst am Ende werden alle Tiere vorsichtig mit Grasbüscheln eingepackt und in Kartons gehoben – sie dürfen bei der Rettung keinen Menschengeruch abbekommen, sonst werden sie von ihren Müttern verstoßen.

An diesem Morgen bleibt die Suche lange erfolglos, bis am Waldrand ein gleißendheller Fleck angezeigt wird. Der Helfer geht nachschauen, und es ertönen hohe, durchdringende Schreie. Das Kitz ergreift auf wackeligen Beinen die Flucht, es ist schon etwas älter. Trotzdem ist es in der Wiese nicht sicher, der Trecker soll in einer halben Stunde kommen. Zum Glück bekommen die Schreie Antwort: Die Mutter ruft aus dem Wald, das Kitz stakst zu ihr und beide verschwinden.

Entdeckt: Die Kitze werden nach dem Rundflug vorsichtig eingesammelt. Niklas Huppa hat hier ein seltenes schwarzes Rehkitz gerettet. (Foto: Dominik Tornede)

Kleinere Jungtiere, die noch nicht mobil sind, werden mit den Kartons neben der Wiese geparkt, bis die Mäharbeiten vorbei sind. Danach lässt der Landwirt oder der Jagdpächter sie frei. Am Rand der Wiese werden die Tiere später von ihren Müttern wiedergefunden.

Landwirte können sich vor der Mahd bei den Projektverantwortlichen melden. Zu Maßnahmen, um Wild vor dem Mähwerk zu schützen, sind sie gesetzlich verpflichtet. Zudem gefährden tote Tiere im Grünschnitt die Futterqualität. Die Rettung durch „Save the Kitz“ erfolgt kostenlos, die AG freut sich aber über Spenden – nicht nur die Technik, die immer weiter optimiert wird, kostet Geld, es entstehen auch Fahrtkosten. Denn die Kitzretter sind in ganz Lippe im Einsatz.

Eingepackt in Pappkartons und viel Gras warten die Kitze, bis die Trecker weg sind. (Foto: Dominik Tornede)

Wie viele Kitze in einer Wiese sind weiß vorher niemand. An manchem Morgen retten die bis zu fünf Teams, die teilweise mehrere Wiesen nacheinander abfliegen, mehr als 100 der kleinen Rehe. Leider in diesem Jahr ohne die Schüler. Aber auch dafür wurde nun eine Lösung gefunden: Über eine Lernplattform werden einzelne Rettungsaktionen per Livestream an die Schüler übertragen. Das macht das ZDI-Zentrum MINT möglich, das das Projekt unterstützt. „Das ist ein kleiner Trost“, sagt Thomas Mahlmann vom ZDI-Zentrum Lippe.MINT.

Mehr Informationen zu dem Projekt "Save the Kitz" finden Sie hier.