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Die Rassenideologie der NS-Zeit hat auch in Lemgo Opfer gefordert. Die Stiftung hat dieses dunkle Kapitel aufgearbeitet und gedenkt nicht nur derer, die gestorben sind.

Als die Nationalsozialisten entschieden, den „Deutschen Volkskörper“ möglichst „gesund“ erhalten zu wollen, hatte das für Menschen mit Besonderheiten teilweise drastische Folgen. Oft, aber nicht nur mit tödlichem Ausgang. Eine Gruppe, die bei der Aufarbeitung zwischen all den Gräueltaten leicht übersehen wird, sind die Opfer der Zwangssterilisation. 87 Fälle gab es in Eben-Ezer.

Seit 2015 beschäftigt sich die Stiftung mit dem dunkelsten Kapitel ihrer Vergangenheit. Die erste Erkenntnis beim Blick in die Archive: Anders als noch in den 80er Jahren dargestellt, war Eben-Ezer kein sicherer Ort für Menschen mit Behinderungen. Es gab vermehrt Todesfälle in den Gebäuden an der Lageschen Straße, 36 Menschen wurden verlegt – von Eben-Ezer nach Warstein – und dann von dort aus in Vernichtungslager gebracht oder starben auf ungeklärte Weise.

Gedenken: Eine Stele erinnert an die Menschen, die von Eben-Ezer aus den Weg in den Tod gehen mussten.

Das allein ließ die Schuldfrage zunächst offen. Hätte die Heimleitung die Verlegungen überhaupt verhindern können? Starben die oft schon älteren Bewohner zum Teil einfach an der Unterernährung, die alle gegen Kriegsende betraf, zumal Behinderte nur knappe Rationen erhielten – oder ließ man sie gezielt verhungern? Oder war es die pure Not des damaligen Heimleiters Herbert Müller, der bei vielen durchaus beliebt war, dass er mit den verfügbaren Lebensmitteln einfach nicht alle durchbringen konnte – und grausame Entscheidungen treffen musste?

„Rassenhygiene“ aus Überzeugung

Im Fall der Zwangssterilisationen stellt sich die Sache anders dar. Denn wenn auch die Kirchen, und damit die Diakonie, der Eben-Ezer angehört, die sogenannte „Euthanasie“ rigoros ablehnte, hielt man sogar in Kirchenkreisen die Rassenideologie grundsätzlich für richtig. Und auch die Idee, Menschen, die nicht ins Ideal passten, an der Fortpflanzung zu hindern. Leben durften sie, aber sie sollten sich  nicht auch noch vermehren. Der Weg für Zwangssterilisationen war frei. Auch in Lemgo.

Und hier war kein Zaudern, kein kritisches Nachfragen, im Gegenteil. Anstaltsarzt Dr. Max Fiebig hinterließ der Nachwelt ein Schreiben mit folgendem Wortlaut: „Wir begrüßen dankbaren Herzens die von unserer Reichsregierung getroffenen Maßnahmen zur Erhaltung von Volk und Rasse“. Skrupel klingen anders. Und so stellte Fiebig eine Liste mit Personen zusammen, die seiner Meinung nach sterilisiert werden sollten, noch bevor das Gesetz überhaupt in Kraft trat. „Eben-Ezer setzte das Gesetz engagiert und planvoll um“, fasst der Hobby-Historiker Heinrich Bax die Ergebnisse seiner Recherchen sachlich zusammen.

Heinrich Bax stellte die Ergebnisse seiner Nachforschungen beim Fachtag vor.

Bei einem Fachtag zu diesem Thema präsentierte er einige seiner Quellen, darunter auch Gutachten über Menschen, die als „fortpflanzungsgefährdet“ galten und deren Nachkommen man nicht haben wollte. Zeichen für Erbgut zweiter Klasse und Hinweise auf angeborenen „Schwachsinn“ waren schon Fälle von Trunksucht und unehelicher Geburt in der Familie – beides galt als erblicher Makel. Fiel ein Jugendlicher aus so einem Elternhaus mit aufmüpfigem oder ruppigem Verhalten auf und interessierte sich auch noch für das andere Geschlecht – alles typisch in der Pubertät – konnte das schon reichen, sogar wenn Gutachter dem Betroffenen gute schulische Leistungen attestierten.

Damit der Eingriff „rechtzeitig“ kam, wurden viele schon als Jugendliche operiert. Nach der Konfirmation, das war die Einschränkung in Eben-Ezer. Viele Opfer waren zwischen 14 und 20 Jahre alt. Gerade für Mädchen war der Eingriff unter den damaligen Bedingungen mit hohen Risiken verbunden, manche überlebten ihn nicht.

Die Geschichte eines Opfers

Studierende der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld-Bethel haben ein Opfer in einem bewegenden Video vorgestellt, das bei dem Fachtag Premiere hatte. Wilhelm Nolting wurde 1912 in Bad Oeynhausen geboren. Da er sich als Maurergehilfe in der Stiftung gut machte, sollte er eigentlich an einen Lebens- und Arbeitsplatz außerhalb der Einrichtung vermittelt werden; „nützlich“ zu sein rettete Behinderten damals manchmal wenigstens das Leben, wenn sie auch in den Pflegefamilien und Arbeitsstätten als Menschen zweiter Klasse galten. Aber „draußen“ war die „Fortpflanzungsgefahr“ natürlich besonders hoch, daher stand vor der Entlassung oft die Sterilisation.

Studierende der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld habe eine Opfer-Biographie aufgearbeitet.

Wilhelm Nolting wurde am 14. Juni 1935 im Lemgoer Krankenhaus operiert und nach acht Tagen entlassen. Schon im Juli war er wieder im Krankenhaus, denn es gab Komplikationen. Der junge Mann hatte Fieber, Entzündungen in Hüfte und Bein quälten ihn. Wilhelm Nolting erholte sich davon nicht mehr vollständig, er blieb arbeitsunfähig und pflegebedürftig – und das war am Ende vermutlich sein Todesurteil, denn auch er war unter denen, die 1941 nach Warstein verlegt wurden. Sein Weg führte weiter nach Eichberg, wo er laut Akten im Mai 1942 an einem Herzstillstand starb -  eine Todesursache, hinter der sich damals häufig eine tödliche Injektion verbarg. Sein Namen steht neben denen der anderen 35 Todesopfer auf der Stele vor der Kapelle an der Lageschen Straße.

Es gab auch Lichtblicke. Aus Lemgoer Kirchenkreisen gab es durchaus auch Kritik an der „Rassenhygiene“, wenn diese Stimmen auch nichts ausrichten konnten. Und schließlich ging Dr. Fiebig zu weit: Als er die Sterilisation einer Schwangeren anordnete, warf Eben-Ezer ihn raus, obwohl der Verlust des angesehenen Arztes auch den Verlust der Medizinerstelle und damit einen erheblichen Einschnitt bedeutete.

Ein schweres Erbe und eine Botschaft

Unterm Strich bleibt dieses dunkle Kapitel schwerer Stoff für die heutigen Bewohner und Mitarbeiter der Stiftung, die den Fachtag mit vielen Gästen verfolgten. Was macht das mit den Menschen heute? „Einige unserer Klienten verstehen das durchaus“, sagt Stiftungsvorstand Dr. Haase am Rande des Fachtags. „Sie reflektieren das auch. Einer sagte: ,Wenn ich  damals gelebt hätte, wäre mir das passiert.‘“

Auch für die heutigen Leitung und die Mitarbeiter sei die Aufarbeitung nicht leicht. „Das ist bedrückend, das so wahrzunehmen.“ Die Menschen damals hätten gedacht, das Richtige zu tun – das sei aber nur ein Versuch der Erklärung, nicht der Entschuldigung. Es zeige, wie wichtig es sei, Überzeugungen immer zu hinterfragen. Die Fehler von damals dürften sich nicht wiederholen – „das ist der Auftrag, der aus den Quellen abzuleiten ist.“ Die Würde eines jeden Menschen zu schützen und zu bewahren sehe er jetzt umso mehr als Aufgabe von Eben-Ezer.

 


Biographie über Herbert Müller

Einen Perspektivwechsel bietet die von Dr. Frank Konersmann verfasste Biographie des Anstaltsleiters Herbert Müller, der 1932 Schul- und 1939 Anstaltsleiter in Eben-Ezer wurde und die Geschicke der Stiftung somit in jenen dunklen Tagen leitete. „Er und seine Frau verkörperten das Prinzip der Anstaltseltern“, beschreibt Konersmann das Selbstverständnis Müllers, ein Bild, das vor allem in der späteren Zeit nicht mehr passte. Vielleicht ein Grund für das ambivalente Bild, das er auch von Zeitzeugen geboten bekam, die Herbert Müller noch persönlich kannten. Er leitete die Anstalt bis zu seinem Tod 1968 und begleitete Eben-Ezer damit durch mehrere Umbruchsphasen. Das Buch „Der Heilpädagoge Herbert Müller in Eben-Ezer“ von Frank Konersmann ist im Buchhandel erhältlich.

Stellen die Forschungsergebnisse vor: Aileen Grießmann und Nicole Reineke (Fachhochschule der Diakonie Bielefeld), Dr. Frank Konersmann, Christine Förster und Dr. Bartholt Haase (Stiftung Eben-Ezer) und Heinrich Bax (von links).

Link zum digitalen Gedenkbuch der Stiftung Eben-Ezer: https://www.eben-ezer.de/geschichte/digitales-gedenkbuch.html

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