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In den kommenden Jahren erreichen viele Lemgoer Hausärzte das Rentenalter. Die SPD hat sich das Thema auf die Fahnen geschrieben.

Der Ärztemangel wird Lemgo hart treffen. Zwar sieht es derzeit noch ganz gut aus: der „Mittelbereich Lemgo“, das ist die Alte Hansestadt zusammengefasst mit Kalletal, weist hier einen Versorgungsgrad von 83 Prozent bei den Hausärzten auf. Es fehlen also schon Ärzte, aber als unterversorgt gilt ein Bereich erst ab 75 Prozent, bei Fachärzten sogar ab 50 Prozent. Da ist der Mittelbereich Lemgo noch nicht dabei.

Das wird sich schnell ändern, denn der Altersdurchschnitt ist das wahre Problem: 45 Prozent der Hausärzte in Kalletal und Lemgo sind älter als 60 Jahre. Im OWL-Durchschnitt sind es rund 38 Prozent. Die Bedarfsdeckung der Fachärzte ist nur für Lippe abzurufen, da ist bisher kein Mangel erkennbar – aber die Verteilung kann durchaus unterschiedlich sein. Das heißt zumindest für die Hausärzte: In den kommenden Jahren wird fast die Hälfte von ihnen in Lemgo und Kalletal das Rentenalter erreichen.

Was tun? Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hat nicht nur diese Zahlen erfasst, sondern ist auch aktiv. Mit dem festgestellten Mangel hat es der Mittelbereich Lemgo ins  Förderverzeichnis der Vereinigung geschafft. Ärzte, die sich in einer Region dieses Verzeichnisses niederlassen möchten, bekommen Unterstützung, zum Beispiel die Übernahme von Kosten (Umzugs- und Einrichtungskosten, Kooperationskosten) und die Gewährung von Darlehen zum Praxisaufbau oder zur Praxisübernahme.

Ärzte lernen keine Unternehmensführung

Dazu läuft schon seit einigen Jahren die Kampagne „Praxisstart“ der KVWL. Dort bekommen junge Ärztinnen und Ärzte ganz zentral Informationen zu den Förderungen und Beratung. Die Nachbesetzung von Hausarztpraxen sei ist in vielen Regionen, vor allem im ländlichen Bereich, „tendenziell schwierig“, begründet die KVWL die Notwendigkeit solcher Programme. Zu wenig junge Mediziner würden sich für eine eigene Praxis entscheiden. Die Gründe hierfür seien vielfältig, zum Beispiel Angst vor finanzieller Verantwortung und wirtschaftlichen Risiken.

Diese Gründe kennt auch Felix Rullmann. Der junge Lemgoer Zahnarzt ist bislang Angestellter in einer Praxis. „Praxismanagement, Personalmanagement, Hygienemanagement – das lernt man alles nicht“, erklärt er, was da Erschreckendes auf junge Ärztinnen und Ärzte zukomme. Dazu möchten junge, hochqualifizierte Menschen heutzutage auch Freizeit haben, Stichwort „Work-Life-Balance“. Das verträgt sich nicht mit dem Bild vom Landarzt, der rund um die Uhr erreichbar ist.

Demografie macht die Dorfpraxis unattraktiv

Ein Klischee, das heute natürlich nicht mehr stimmt. Trotzdem ist für viele Mediziner ein Job als Angestellter in einer Klinik attraktiver. Und eine Praxis in einem guten Viertel in der Stadt auch, denn die Vergütung spricht auch nicht für die Dorfpraxis: Durch die demografischen Strukturen haben Landärzte häufig viele ältere Patienten, die wegen chronischer Erkrankungen oft in die Praxis kommen. Mit dem Pauschalsystem ist das schlechter vergütet als wenn Patienten sich nur ab und zu mal blicken lassen.

„Das ist ein Teufelskreis. Schlechte medizinische Versorgung macht die Stadt unattraktiv, aber dann kommen auch keine Ärzte mehr nach“, beschreibt Felix Rullmann die Heruasforderung, die er als Ratskandidat der SPD anpacken möchte.

„Wir steuern auf ein Problem zu“, bekräftigt auch der SPD-Bürgermeisterkandidat Arne Brand. Und die beiden wollen die Lösung nicht der Kassenärztlichen Vereinigung überlassen, sondern meinen, dass auch die Kommune etwas tun kann.

Junge Lemgoer zum Medizinstudium motivieren

Zum Beispiel junge Lemgoer – oder Lipper, falls man den Kreis mit ins Boot holt – bereits vor dem Abi zum Medizinstudium motivieren, etwa durch Stipendien, Mentoring-Angebote oder andere Förderungen. Der Gedanke: Wer im schönen Lemgo aufgewachsen ist, bleibt vielleicht auch gerne hier. Die kommende medizinische Fakultät in Bielefeld, die ja mit dem Klinikum Lippe zusammenarbeiten wird, ist dafür die beste Chance.

Und denen, die sich von der „Pampa“ abschrecken lassen, muss man Lemgo schmackhaft machen. Und Unterstützung anbieten bei dem, was die Selbständigkeit so schwierig macht: bei der Bürokratie, denn „damit kennt Verwaltung sich aus“, betont Arne Brand. Und beim Netzwerken. Denn Praxen, die zusammenarbeiten, können sich Aufgaben teilen.

Die Herausforderung ist neu, die Lösungen müssen noch gefunden werden. Arne Brand denkt dabei an das Quartiersmanagement, das die Schaffung von Praxisräumen direkt mit umfassen sollte. Auch zentrale Gemeinschaftspraxen, die Ortsteile über tageweise geöffnete Dependancen mitversorgen, seien eine Möglichkeit.

Felix Rullmann denkt dabei auch an den Wohnungsmangel, müssen doch die Studierenden in ihren Praxis-Phasen und die jungen Ärzte auch irgendwo unterkommen. Ob nicht der eine oder andere Hauseigentümer für so einen Mieter doch bereit wäre, eine Wohnung zu renovieren und bereitzustellen? "Mehr Ärzte wollen schließlich alle." Gerade in der Innenstadt seien schließlich viele leerstehende Wohnungen gar nicht auf dem Markt.

Arne Brand möchte die Mechanismen der Wirtschaftsförderung auf das Thema übertragen. „Die ärztliche Versorgung ist ein wichtiger Faktor für die Stadt“, betont er.

 

Kommentar

Ein Systemfehler

Von Marlen Grote

Landarzt-Praxen müssen attraktiver werden. Ein Schlüssel liegt auch in den Kopfpauschalen.

Es muss sich wieder lohnen, die ganz zentrale Grundversorgung für die Senioren und die chronisch Kranken anzubieten. Es ist paradox: Gerade an denen, die den Hausarzt um die Ecke am nötigsten brauchen, verdient dieser am wenigsten. Nein, bettelarm sind wohl die wenigsten Mediziner. Aber man kann einem jungen Arzt oder einer jungen Ärztin wohl keine Vorwürfe machen, wenn sie oder er sich für einen Standort mit „lukrativerer Kundschaft“ entscheidet.

Auch hier könnte man also ansetzen. Wenn man dazu weiterhin die Werbetrommel für das schöne Landleben rührt und neue Modelle fördert, die niedergelassenen Ärzten durch Kooperationen auch Teilzeitmodelle und Familienleben ermöglicht, könnte sich das Blatt durchaus wenden. Denn spätestens wenn Kinder da sind ist eine Kleinstadt als Lebensort doch unschlagbar. Wissen wir Lemgoer. Müssen die Nachwuchs-Mediziner nur auch erfahren.