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Rushhour in Lemgo, das macht keinen Spaß. Der nördliche Teil der Westumgehung soll das ändern. Betroffene sorgen sich ums Ilsetal und sagen: Das wird nichts bringen.

Dass zu viele Autos im Bereich Gosebrede/Richard-Wagner-Straße unterwegs sind, dass stellt niemand in Zweifel. Anwohner leiden unter Lärm und Feinstaub, und auch die vehementesten Kritiker der geplanten „Nordumgehung“ – die die Trasse nicht ist, da sie nicht den ganzen Norden umfasst – wünschen sich, dass der ewige Stau ein Ende hat. Aber dass das nicht so einfach ist, zeigt allein die Tatsache, dass seit vier Jahrzehnten geplant und gestritten wird.

Ein Wahlkampfthema, das keins ist

Im Wahlkampf ist die Straße regelmäßig Thema, auch jetzt, obwohl das Planfeststellungsverfahren schon angelaufen ist. Der Stadtrat ist also längst raus aus der Sache – allerdings könnte auch die Kommune im Rahmen des Verfahrens Einwände erheben und so beispielsweise die Maßnahme in der Priorisierung wieder verschieben.

Das wollen in Lemgo bislang nur die Grünen. Sie setzen auf den Lückenschluss für den Radweg, um Verkehr von der Straße zu bekommen. Tatsache ist: Bis irgendein Auto auf der Trasse fährt, gehen noch viele Jahre ins Land. Bis dahin könnte sich auch auf Landesebene wieder etwas ändern – dort hatte eine Rot-Grüne Mehrheit das Projekt schon einmal auf Eis gelegt.

Die CDU kündigt auf Wahlplakaten an, sich für die Straße einsetzen zu wollen. Die SPD kritisiert das in einer Stellungnahme als „Irreführung der Wähler“. Stattdessen sei ein Verkehrskonzept für die ganze Stadt nötig.

Grüne Politiker aus Lemgo, Kalletal und dem Kreis Lippe beim Ortstermin mit dem Kalletaler Bürgermeister Mario Hecker (3. von links) und dem Grünen-Landtagsabgeordneten Arndt Klocke (4. von links) an der Radweg-Baustelle an der B 238. Der Lückenschluss hier, so hoffen die Grünen, könnte die Straßen im Lemgoer Norden entlasten. (Foto: Marlen Grote)

 

Nah an Wohngebieten und Einrichtungen vorbei

Die umstrittene Trasse führt durch das Ilsetal, teilweise weniger als hundert Meter entfernt von Wohngebieten. Auch ein Familienzentrum, das Klinikum und eine Senioreneinrichtung wären nah an der zukünftigen Straße, außerdem die denkmalgeschützte Steinmühle. Anlieger dort sind zwar auch genervt von den Staus, möchten aber die neue Straße vor ihrer Tür nicht haben, und sie bezweifeln, dass die Umgehung die Probleme löst.

Anders die Westumgehung, die ist längst fertig und hat ihren Zweck, Brake zu entlasten, erfüllt. Aber die Lage war hier eine andere. Kaum jemand, der durch den Lemgoer Ortsteil fuhr, wollte dort hin. Brake lag als störender Engpass auf der Achse Höxter/Blomberg – Bielefeld. Aber der Lemgoer Norden, da sei vor allem unterwegs, wer dort auch sein Ziel oder seinen Startpunkt habe. Für die Achse Kalletal – Lemgo – Detmold, die durch die Trasse mit weniger Stau befahrbar werden soll, steht jetzt auch noch eine neue Alternative im Raum: Die Schnellbusverbindung „Campus Express“ zwischen Lemgo und Detmold wird bis Kalletal ausgeweitet.

In einer Stellungnahme im Jahr 2000 eine Mitarbeiterin der Verwaltung, die Stadt solle sich gegen die Trasse aussprechen. Zumal eine Verkehrsreduktion in dem angestrebten Umfang gar nicht entlastend wirke, vor allem in Sachen Lärm. Dafür würden mehr als 7.000 Lemgoer, die in den betroffenen Gebieten an der neuen Trasse wohnen, beeinträchtigt. Die Verwaltung schloss sich dieser Einschätzung aber nicht an.

Stärkere Belastung für Kalletal

Straßen.NRW argumentiert mit einer Entlastung von derzeit rund 18.000 auf 11.800 bis 13.000 Fahrzeuge am Tag. Die Verkehrsgutachten geben für die neue Straße eine Auslastung mit 11.000 Fahrzeugen täglich an. Das sind mehr, als in der Innenstadt eingespart werden. Und da die alle auf der B 238 landen oder von dort kommen, steigt hier die Belastung um 1.900 Fahrzeuge an. Die gesamte Strecke soll attraktiver und stärker frequentiert werden.

Davon ist man auf Kalletaler Seite nicht gerade begeistert. Um den Verkehr aufnehmen zu können, soll die B238 auch um Hohenhausen über eine Umgehung herumgeführt werden – hier sind die Planungen noch nicht so weit wie in Lemgo. Die Kalletaler Grünen kritisieren den „enormen Landschaftsverbrauch“ einer Straße durch das hügelige Umland westlich von Hohenhausen,

Bürgermeister Mario Hecker sorgt sich zudem um den Ort: „Diese Umgehung würde den Einzelhandel extrem schwächen.“ Fast 2000 zusätzliche Fahrzeuge seien also durchaus ein Problem für die B 238: „Das kann nicht im Sinne der Anlieger sein“, sagt Jürgen Georgi von den Kalletaler Grünen.

Bürger kündigen Klagen an

 „Pro Ilsetal“ sieht noch mehr unbeantwortete Fragen. Die Trasse führe durch eine stillgelegte Mülldeponie, gibt es dort Probleme mit Altlasten? Zudem liege die Trasse im Fall eines 100-jährigen Hochwassers im Überschwemmungsgebiet. All das sei ein zu hoher Preis und ein zu hohes Risiko für eine zu geringe Entlastung.

Der Lemgoer Bauamtsleiter Markus Baier sieht die Entlastung weniger in der Zahl als in der Größe der Fahrzeuge: Laut Straßen NRW erspare die Umgehung dem Lemgoer Norden gut 500 Lastwagen täglich. Und das würde auch so kommen, da ist Markus Baier sicher: „Kein LKW-Fahrer fährt mitten durch Lemgo, wenn es nicht unbedingt sein muss.“

Das Planfeststellungsverfahren startet bald, die Unterlagen liegen schon bei der Bezirksregierung. Dann können sich die Anlieger noch zu Wort melden. Und die Bürgerinitiative „Pro Ilsetal kündigt bereits an dagegen zu klagen.

 

Bürgermeister-Kandidaten diskutieren

Am Samstag, 5. September, ab 15 lädt die Bürgerinitiative „Pro Ilsetal“ zu einem Spaziergang durch das Ilsetal ein. Es wird der Ortsvorsitzende des BUND Lemgo Eckehard Buschmeier Erklärungen aus Sicht des Naturschutzes geben. Anschließend stellen sich die Bürgermeisterkandidaten von CDU, SPD und Grüne zur Diskussion.

 

Kommentar

Sorgfältig abwägen

Von Marlen Grote

Die Fronten sind verhärtet: Die einen wollen die Umgehung so schnell wie möglich, die anderen auf keinen Fall. Recht haben eigentlich alle.

Dass es so nicht weitergehen kann bestreitet schließlich niemand. Aber Fakt ist auch: Die geplante Trasse hat viele Nachteile. Menschen und Natur werden beeinträchtigt. Das ist so bei einer neuen Straße, und manchmal muss man damit leben.

Etwa die Westumgehung, die erfüllt ihren Zweck. Brake lag im Weg, die neue Straße führt drum herum. Dann ist das sinnvoll. Im Lemgoer Norden ist der Nutzen der neuen Straße nicht ganz so eindeutig.

Die Frage ist daher: Ist es das wert? Bringt die Umgehung so viel, dass es sich lohnt, all das in Kauf zu nehmen? Das müssten alle Beteiligten wirklich ergebnisoffen prüfen – und auch offen sein für die Suche nach Alternativen. Denn das Schlimmste wäre, wenn am Ende die Straße da ist mit all ihren Nachteilen, und in der Innenstadt bleiben Stau und Lärm unverändert.