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Mit "Mein Lemgo" gut informiert zur Wahl

Am 13. September ist Kommunalwahl. Hier finden Sie alles über die Kandidaten und die Standpunkte der Parteien.

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Drei Bewerber treten zur Wahl als Lemgoer Bürgermeister oder Bürgermeisterin an. "Mein Lemgo" stellt sie in Interviews vor.

Markus Baier, Katharina Kleine Vennekate und Arne Brand: Sie wollen in den "Chefsessel" im Rathaus. Wer das Rennen macht entscheiden die Wähler. "Mein Lemgo" hat mit allen drei Kandidaten gesprochen: Wie sehen sie Lemgo jetzt, was wollen sie verbessern? Wie tief sitzt der Corona-Schreck, und wie kommt Lemgo aus der Krise? Wie bewerten sie die immer kompliziertere politische Entwicklung, die sich auch auf lokaler Ebene abzeichnet? Auf diese Fragen haben alle Bewerber geantwortet. Dazu gab es für jeden noch zwei Fragen, die ihn oder sie persönlich betreffen.

Dr. Katharina Kleine Vennekate ist die Kandidatin der Lemgoer Grünen. Im Interview geht es um Klimaschutz und mehr Bürgerbeteiligung im Rathaus.

 

Was läuft gut in Lemgo?

Katharina Kleine Vennekate: Ich finde dass Lemgo eine sehr lebenswerte Stadt ist. Wir haben schöne Geschäfte und Restaurants, den Wochenmarkt und ein gutes kulturelles Angebot mit großer Vielfalt. Ich finde es gut dass sich Lemgo mit dem Innovation Campus auf den Weg macht, jungen Menschen und auch Unternehmen Raum zu geben sich zu entwickeln. Und toll ist in Lemgo der Zusammenhalt. Dass die Lemgoerinnen und Lemgoer in Krisen zusammenstehen und dann auch sehr kreativ sind. Hier gibt es eine große Solidarität und ein gutes Gefühl dafür was menschlich ist.

Außerdem haben wir in der Stadt ein Flair von Internationalität, durch die Geschichte als Hansestadt und den Campus. Man sieht viele Menschen aus anderen Ländern, auch in der Stadt selbst. Es ist normal geworden dass wir in einer bunten Mischung zusammenleben. Ich empfinde das als große Bereicherung. Lemgo ist eine Stadt mit sichtbarer Geschichte, aber doch modern. Ich bin stolz auf meine Heimatstadt.

Aber man kann ja immer etwas verbessern. Was würden Sie ändern wollen?

Katharina Kleine Vennekate: Der entscheidende Punkt ist, dass wir jetzt die Chance haben, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Wir können jetzt die Corona-Krise und die Klimakrise gemeinsam bewältigen. Klimaschutz und die Verkehrswende stehen in Lemgo bisher nicht so im Fokus. Aber wir müssen das Geld, das wir jetzt in die Hand nehmen, in in den Klimaschutz und in eine nachhaltige Wirtschaft investieren. Diese Themen haben hier bisher nicht den Stellenwert, den sie haben sollten. Deswegen bewerbe ich mich um dieses Amt.

Klimagerechtigkeit? In Lemgo?

Katharina Kleine Vennekate: Ja, einerseits im Sinne einer Generationengerechtigkeit. Wir können nicht den jungen Menschen in unserem Land einen Haufen Schulden und eine vom Klimawandel zerstörte Umwelt hinterlassen. Und so eine Krise bedeutet immer, dass die, die arm sind, weniger Möglichkeiten haben, sich zu schützen. Das sind die Hauptleidtragenden. Die Klimakrise macht soziale Ungerechtigkeit deutlich. Das will ich nicht hinnehmen.

Das ist gerade ein schlechter Zeitpunkt, oder? Die Menschen haben im Moment ganz andere Probleme.

Katharina Kleine Vennekate: Ja das verstehe ich sehr gut. Zugleich haben wir in den letzten Wochen erlebt: Wir können gemeinsam anpacken und neue Wege gehen, die in eine gute Zukunft führen. Jetzt müssen wir auf Klimagerechtigkeit und nachhaltiges Handeln hinarbeiten. Wir müssen jetzt von der Zukunft her denken. Und der Zeitpunkt ist gar nicht so schlecht. In Krisen sind Menschen bereit, ihr Leben zu verändern. Da gibt es, vereinfacht gesagt, zwei Richtungen: zurück zu dem, wo wir uns sicher fühlen, oder neue Wege einschlagen. Das kostet aber mehr Überwindung, weil man in einer unsicheren Situation etwas Unsicheres tun muss. Uns Grünen fällt das leichter. Wir haben schon immer die Vision, dass eine andere Gesellschaft möglich ist, auch als andere Parteien Themen wie Klimaschutz, Verkehrswende und nachhaltiges Wirtschaften noch nicht auf dem Schirm hatten.

Was wollen Sie denn in Lemgo konkret machen für das Klima?

Katharina Kleine Vennekate: Wir haben das Klimaschutzkonzept, das uns klare Ziele setzt. Diese Ziele muss man aber auch umsetzen, und da braucht es entschlosseneres Handeln als bisher. Und ich möchte noch mehr Solarenergie auf die Dächer. Mein Ziel wäre, da ein gutes Konzept für Lemgo aufzubauen, damit wir es schaffen, mit Solarenergie und E-Mobilität eine höhere Klimaneutralität hinzubekommen. Ein jährlicher Check der CO2-Minderung zeigt uns, ob wir auf einem guten Weg sind. Ich will das Beratungsangebot ausbauen und klimafreundlichen und bezahlbaren Wohnraum schaffen. Der Stadtwald soll naturnah wiederaufgeforstet werden. Wirtschaftlichkeit, Naturschutz und Erholung für die Menschen sollen im Stadtwald Hand in Hand gehen.

Viel Klimaschutz also. Haben Sie noch andere Punkte auf Ihrer To-Do-Liste?

Katharina Kleine Vennekate: Es geht grundsätzlich um eine Veränderung im Denken und Handeln. Das kann man am besten, indem man Menschen mit einbezieht und beteiligt. Offenheit, Transparenz und Dialog-Orientiertheit im Rathaus, das ist mir wichtig. Ich möchte an Zukunftsfragen mit den Bürgern gemeinsam arbeiten. Zum Beispiel beim Thema Verkehr, da fehlt bisher ein Gesamtkonzept. Da muss eine Lösung her, aber nicht einfach eine Umgehungsstraße. Wir müssen sehen dass wir eine intelligentere Lösung hinbekommen. Formate wie eine gemeinsame Zukunftswerkstatt schaffen ein Problembewusstsein bei den Beteiligten und eine größere Akzeptanz der Entscheidungen. Es gibt nicht nur eine Lösung, und manchmal ist die unkonventionellere die zukunftsträchtigere. Dazu kommen besonders im sozialen Bereich und im Bereich der Gesundheit viele Aufgaben auf uns zu, wie Kinderschutz, Bildungsgerechtigkeit und eine gute medizinische Versorgung.

Von Umweltschutz und einer kreativen Gesellschaft allein kann eine Stadt aber nicht leben.

Katharina Kleine Vennekate: Das ist richtig. Die Wirtschaft ist entscheidend für das finanzielle Rückgrat in der Stadt. Da sollten kleine und mittlere Betriebe noch mehr in den Fokus rücken, sie sind oft eng mit der Region verbunden und sehr innovativ unterwegs. Aber auch die großen Player sind wichtig. Die Stadt sollte Firmen auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Wirtschaft unterstützen. Dafür ist auch der Campus sehr gut, hier können sich Firmen fortbilden rund um den neuen Arbeitsmarkt und Industrie 4.0. Menschen können dort neue berufliche Perspektiven entwickeln. Ich will den Austausch zwischen der Stadtgemeinschaft und dem Innovation Campus voranbringen, weil sich das für alle lohnt. Für Start-Up-Unternehmen will ich gute Rahmenbedingungen schaffen, so dass sie in Lemgo bleiben.

Als Sie sich für Ihre Kandidatur entschieden haben, war die Welt noch eine andere. Plötzlich geht es um eine Stadt mitten in der Krise. War das ein Schreck für Sie?

Katharina Kleine Vennekate: Ja, das ist in der Tat so. Für mich ist es ja das erste Mal dass ich für so ein Amt kandidiere, eine Sonder-Sondersituation. Aber ich habe beruflich viel mit Krisen zu tun. Ich weiß wie wichtig es ist, neue Zukunftswege zu entwickeln und durch gemeinsames Handeln die Widerstandskräfte zu stärken. Ich bin davon überzeugt, wir schaffen das in Lemgo.

Und wie kann es nach Corona weitergehen?

Katharina Kleine Vennekate: Unsere strategischen Stadtziele sind dafür ein gutes Instrument. Sie sind dafür da, dass man Prozesse durch Kennzahlen und Teilziele steuert, unterteilt und wieder zusammenführt. Das hilft, Vorhaben politisch umzusetzen und zu reflektieren. Ich kenne dieses Instrument des strategischen Managements aus meiner Zeit als Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Detmold. Ich will allerdings deutlich mehr den Schwerpunkt auf Ressourcenschonung und auf Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger legen. Mein Ziel ist, dass wir nicht nur die Corona-, sondern auch die Klimakrise gut bewältigen. Ich packe Sachen an – auch die, die heiß sind. Wenn mir etwas wichtig ist, gibt es den vollen Einsatz.

Die politische Arbeit wird nicht einfacher. Die Kräfte verteilen sich heute anders, und manche Gruppen, die mitmischen, sind nicht unumstritten. Wie würden Sie damit umgehen?

Katharina Kleine Vennekate: Unsere demokratischen Strukturen müssen verteidigt werden. Dafür trete ich an. Aber das ist ja nicht nur im Rat so, das sind ja auch Stimmungen in der Bevölkerung. Wenn Menschen verunsichert sind und sich abgehängt fühlen, werden sie offen für radikale Meinungen. Ich will da nicht wegsehen. Denn gerade unser vielfältiges und tolerantes Miteinander in Lemgo macht uns stark. Deshalb werde ich gegen jede Form von Hass und Ausgrenzung entschieden vorgehen. Gleichzeitig setze ich auf Prävention und auf gemeinsame Verständigung.

Aber was, wenn solche radikalen Meinungen im Rat vertreten sind?

Katharina Kleine Vennekate: Das wird sicher nicht leicht, aber es ist ihr demokratisches Recht. Die Parteien müssen sich verständigen: Wie kann sich die Demokratie wehren gegen Kräfte, die sie verunglimpfen und missbrauchen? Da ist viel Standing erforderlich. Eine klare Haltung und die Bereitschaft, die Konflikte anzugehen und dabei den demokratischen Werten treu zu bleiben. Das ist ein hoher Anspruch.

Sie arbeiten als Pastorin an der Hochschule. Wären Sie auch eine Bürgermeisterin für Atheisten?

Katharina Kleine Vennekate: Auf jeden Fall bin ich Bürgermeisterin für alle, egal welche inneren Überzeugungen sie haben. Das ist mir sehr wichtig. In meiner Arbeit geht es viel um den interreligiösen Dialog. Und wenn ich Bürgermeisterin werde, ist es auch vorgeschrieben, dass ich das Pastorenamt aufgebe. Aber ich verstehe mich auch als Sozialexpertin.

Aber Sie haben bisher weder in einer Stadtverwaltung gearbeitet, noch waren Sie im Rat. Welche Fähigkeiten bringen Sie für das Amt mit?

Katharina Kleine Vennekate: Ich bin jemand der sehr interdisziplinär unterwegs ist, unter anderem im Diakoniemanagement. Das heißt: Ich kann auch Wirtschaft. Aber man muss keine Verwaltungsexpertin sein, um Bürgermeisterin zu werden. Eine Stadt braucht so viele Expertisen, da gibt es keinen der alles hat. Ich stehe mehr für Soziales und Bildung. Aber ich arbeite auch jetzt schon in der kirchlichen Verwaltung. Ich werde also keinen Kulturschock bekommen, wenn ich ins Rathaus komme. Aber ich glaube auch, dass es in dieser Situation ganz gut ist wenn jemand von außen kommt und frischen Wind mitbringt. Wichtig ist, die nötige Offenheit mitzubringen. Ich hoffe, dass sich die Menschen darauf einlassen können.

 

Zur Person

Dr. Katharina Kleine Vennekate lebt seit 26 Jahren in Lemgo. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder und einen Pflegesohn, die alle schon erwachsen sind. Die 58-Jährige lebt seit ihrem zehnten Lebensjahr in Lippe. Sie  hat in Marburg, Amsterdam und Bielefeld Theologie, Sozialpädagogik und Sozialmanagement studiert und zum Kirchlichen Arbeitsrecht promoviert. Sie war viele Jahre in Schulen und in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen tätig. Ihre Lehrtätigkeit am Institut für Diakoniemanagement in Bethel und für die Lippische Landeskirche führte sie auch ins Ausland, unter anderem nach Afrika. Derzeit ist sie als Hochschulpfarrerin an den Hochschulen in Lemgo und Detmold für die Studierenden tätig. Im Beratungszentrum der Lippischen Landeskirche berät sie Menschen in Krisensituationen.