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Egal wie das Ergebnis ausfällt: Der Rat wird jünger werden. Was die Nachwuchspolitiker wollen – und was sie schon erreicht haben.

In diesem Wahlkampf passiert etwas Besonderes. Und das ist nicht die Tatsache, dass eine Journalistin mit Vertretern von CDU, SPD, Grünen und der Linken einträchtig an einem Tisch sitzt. Nein, das Besondere ist, dass jene Journalistin in der Runde mit elf Politikern die „Seniorin“ ist. Mit unter 40. Denn in der Lemgoer Politik mischen die Jüngeren mächtig mit.

Junge Union, Jusos, die Grüne Jugend und die Linksjugend sind zum Pressetermin gekommen, aber sie stehen stellvertretend auch für andere; etwa die Liberalen und die neue Wählergruppe „Einfach Lemgo“, die ebenfalls viele junge Leute in ihren Reihen hat. Mit unter 30 in die Politik zu gehen, das ist unabhängig von der Farbe gerade ein Trend in Lemgo. So scheint es. Dabei sind einige der Jungpolitiker schon ein paar Jahre dabei – aber jetzt werden sie sichtbar.

Und wählbar, denn sie treffen sich nicht mehr parallel zu den älteren unbeachtet im stillen Kämmerlein. Die Jungpolitiker machen Wahlkampf und stehen auf den Listen – etwa Max Hinrichsen, Junge Union, gerade einmal 18 Jahre alt. Die Jusos haben bereits Mitglieder als sachkundige Bürger in fast allen Ausschüssen, und der Juso-Vorsitzende Felix Rullmann stellt fest: „Ich bin sogar älter als unser Stadtverbandsvorsitzender“, nämlich Julien Thiede. Und der Juso Lasse Huxoll ist bereits ordentliches Ratsmitglied, der einzige in der Runde.

Die Jugend erobert die Wahllisten

Bisher. Denn die Jungen haben die Wahllisten erobert und es geschafft, dass ihr Wort Gewicht hat. Die Grüne Jugend hat am Wahlprogramm der Lemgoer Grünen mitgearbeitet und sogar Änderungen durchgesetzt, jetzt unterstützen sie aktiv die grüne Bürgermeisterkandidatin Katharina Kleine Vennekate. Die Linke ist in Lemgo sogar hauptsächlich durch die Linksjugend vertreten, die auch die Wahlliste füllt. Und die Jungsozialisten reden auch mit, wenn es um ihre Stadt geht, etwa wenn sich Mieter am Biesterberg über Mängel an ihren Wohnungen beschweren oder wenn es Tarifkonflikte bei Isringhausen gibt.

Überhaupt, die Themen der Jungpolitiker sind breit gefächert. Natürlich fühlen sie sich verantwortlich, wenn Jugendliche Unterstützung für eine Umgestaltung der Skateranlage brauchen, sie haben auch das Jugendforum mit initiiert. Die Grüne Jugend setzt sich in der Tradition ihrer Partei für Umwelt- und Klimaschutz ein: „Das betrifft uns mehr als die Ü60-Generation“, sagt Lucie Schäferkordt. Aber auch in Sachen Digitalisierung hätten die Jugendlichen im Kreis der Grünen „viel Erfahrung einfließen lassen“ – auch ins Wahlprogramm.

Die Junge Union sagt schlicht: „Wir mischen uns in alle Themen ein“. Auch Mobilität und Wirtschaft stehen auf der Agenda. „Von uns kommen dann schon die frischen Ideen“, berichtet Max Hinrichsen. Und Janik Wiemann nennt als Beispiel die Abwanderung junger Leute gerade aus den Dörfern: Das Leben dort müsse attraktiv bleiben. Generationengerechtigkeit sei bei Umwelt-, aber auch bei Finanzthemen wichtig, etwa damit in der Krise keine Schulden auf Kosten der Jüngeren angehäuft werden.

Mehr als klassische "Jugendthemen"

Auch die Linksjugend ist in Sachen Umweltschutz engagiert, aber auch sie sind ihrer Partei treu. Julian Moritz Müller bezeichnet sich selbstbewusst als demokratischen Sozialist, und der sucht Antworten auf die soziale Frage. Einen kostenlosen ökologischen Nahverkehr möchte er für Lemgo und eine Begatalbahn, die irgendwann sogar bis Hameln und Bad Pyrmont fahren soll. Der ÖPNV soll kommunalisiert werden, und auch kommunale Wohnbaugesellschaften will er für Lemgo.

Die Jusos nennen auch gleich Klimaschutz und Digitalisierung, der öffentliche Nahverkehr liegt auch ihnen am Herzen. Aber je mehr Ausschüsse sie besetzen, desto vielfältiger seien ihre Themen, die sie mit in ihre Treffen nehmen und auch in den Gremien vertreten. Dabei nehmen sie Details in den Blick, etwa die Fahrradgarage am Bahnhof, die eine Generalüberholung nötig habe.

Die Lemgoer Nachwuchspolitiker sind hochmotiviert, stehen für ihre Überzeugungen ein und pflegen zugleich schon die faire Diskussionskultur, die in Lemgo üblich ist. So ist die Runde angenehm, aber es wird auch kontrovers debattiert – zugleich sind alle offen und sehr interessiert an den Argumenten der anderen.

Und wie nehmen die Altersgenossen das Engagement auf? „Es gibt immer mal welche die das belächeln, aber auch viele, die das gut finden“, sagt Janik Wiemann. Es scheint ja auch, dass die „Fridays for Future“-Bewegung junge Menschen motiviert hat, sich politisch zu engagieren. Nicht nur bei den Grünen, wobei die Grüne Jugend sich auch durch diese Bewegung neu aufgestellt in Lemgo und zugleich ganz Lippe. Auch die Linke hatte dadurch Zulauf von neuen Mitgliedern. „Das war parteiübergreifend“, bestätigt Thomas Duderstedt (Jusos). Viele in dieser Runde waren aber schon vorher dabei.

Allen geht es vor allem um Lemgo

Allerdings: Den Weg in die Politik gehen längst nicht alle, die etwas bewegen wollen. „Die jungen Leute werden durch die Politik nicht angesprochen“, sagt Felix Rullmann. Das wollen die Lemgoer Nachwuchspolitiker ändern. Die Jusos hatten sich schon vor Jahren im Rathaus zu Wort gemeldet. „Die waren alle steinalt“, erinnert sich Felix Rullmann an seinen ersten Eindruck vom damaligen Rat. Und ernst genommen fühlte er sich auch nicht.

Das hat sich komplett geändert. „Es ist jetzt so, dass junge Leute nach vorne kommen und auch gute Listenplätze bekommen“, berichtet der Juso Thomas Duderstedt. Die Junge Union stellt vier Direktkandiaten, Janik Wiemann kandidiert auch für den Kreistag als persönlicher Vertreter des Direktkandidaten Harald Deutsch.

Auch wenn die Jungpolitiker für ihre Sache einstehen: „Es geht nicht um die Farbe, es geht um die Stadt", sagt Felix Rullmann. Allen geht es um Lemgo, und sie wissen, dass sie dafür im Rat zusammenarbeiten müssen. Und es gibt auch Konsens: Für Verbesserungen im Radverkehr wollen sich alle stark machen.

 

Kommentar

Weiter so!

von Marlen Grote

Mit 18 oder 20 in den Stadtrat – dazu gehört schon was. Abgesehen von der Bereitschaft, sich zu engagieren in einem Alter, wo man noch die Weichen für das eigene Leben stellt. Es erfordert auch Mut, sich in einem Ausschuss hinzustellen und für Ideen einzutreten. Umso besser, dass es in Lemgo so viele gibt, die sich das zutrauen. Auf nahezu allen Listen stehen junge Leute.

Aber können die schon Politik? Braucht es dazu nicht Lebenserfahrung? Ja, auch. Und deshalb ist es gut, wenn auch die Älteren weiterhin dabei sind. Weil wir alle Perspektiven in unseren Gremien brauchen. 18-, 20-Jährige sind ja selbst auch junge Arbeitnehmer, Azubis, Studierende. Und in Sachen Digitalisierung bezeichnen sich die Jungpolitiker ganz selbstbewusst als Experten. Sicher zu Recht.

Dazu sind die Nachwuchspolitiker noch unverbraucht, haben unkonventionelle Ideen. Das kann Politik gebrauchen. Und wenn sie ihre Sache gut machen und das nach außen tragen, helfen sie, andere junge Menschen neugierig auf das Geschehen im Rathaus zu machen. Damit sie sich dort vertreten fühlen – und vielleicht auch Lust bekommen mitzumischen.

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