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Ein Drittel von Lemgos „Grüner Lunge“ ist tot. Die restlichen Bäume könnten in den nächsten Jahrzehnten folgen, sagt Stadtwald-Förster Hans-Friedrich Meiercord.

Dass es im Lemgoer Stadtwald ein Problem gibt, ist seit ein paar Monaten weithin sichtbar. Die einst grünen Hänge waren schon im Sommer braun, mancher Weg führt nicht mehr unter einem rauschenden Blätterdach, sondern unter kahlen Fichten-Gerippen hindurch. Aber die Lage ist noch ernster als mancher denkt – und es drohen dramatische Folgen für die Stadt.

„Wir haben einen Totalverlust der Fichtenbestände“, benennt Hans-Friedrich Meiercord den Zustand des Lemgoer Stadtforstes bei einem Rundgang, zu dem die Stadtwerke eingeladen haben. Die Fichtenbestände, das sind immerhin 350 Hektar, etwa ein Drittel des gesamten Stadtwaldes. Und Wald wiederum macht ein Drittel der Fläche Lemgos aus. Dieser große Anteil des Waldes, gewachsen zum Teil über 100 Jahre, habe sich innerhalb von nur drei Jahren aufgelöst.

Das Ausmaß der Verluste ist weithin sichtbar, wie hier vom Parkhaus am Campus.

Ein Glück, dass es noch den Mischwald gibt. Er ist schon länger das Ziel der Bewirtschaftung im Lemgoer Stadtwald, die auf Kahlschläge verzichtet – sie stören das Ökosystem, das sich, wenn schonend Holz geerntet wird, gut regenerieren kann. Auch nach Extremwetter-Ereignissen.

Die Erkenntnis ist – gemessen am Lebenszyklus des Waldes – noch recht neu. In den 60er Jahren brauchte man schnell viel Bauholz, da waren die rasch wachsenden Fichten ideal. Man pflanzte sie in Reihen in zuvor stark bearbeiteten Boden. Die dichten Nadeldächer erstickten alles andere. Diese Fichten-Monokulturen hatten nichts mit einem intakten Wald zu tun und erwiesen sich schnell als anfällig – zumal die Bäume auch an Standorte gepflanzt wurden, wo sei eigentlich nicht hinpassen.

Der Experte: Hans-Friedrich Meiercord.

Bereits seit einigen Jahren wurden daher den Monokulturen, die es im Stadtwald noch gab, einzelne Bäume entnommen. Licht sollte den Waldboden erreichen, damit von unten neue Vielfalt heranwachsen konnte. Diese Flächen sind jetzt, wo auch die verbliebenen Fichten tot sind, ganz gut am Start. Laubbäume erobern die Lücken, Brombeeren und Brennnesseln bedecken den Boden und halten ihn kühl und feucht.

Diese Aufgabe übernehmen auch ein Stück weit die toten Bäume. Wo sie abgeholzt wurden, ist der Boden knochentrocken und fast ausschließlich mit toten Material bedeckt. Unter den Fichtenleichen hingegen regt sich erstes Grün. Die Stämme werfen wandernde Schatten, bieten so zumindest etwas Schutz vor Sonne und Wind, die den fleißigen Mikroorganismen im Boden sonst den Garaus machen.

Wo die toten Bäume entfernt wurden wächst bisher kaum neues Grün.

Deswegen bleiben die Gerippe stehen. „Im Frühjahr 2019 dachten wir noch, wir könnten gewinnen“, erklärt Hans-Friedrich Meiercord, warum einige Flächen abgeholzt wurden. Man wollte dem Borkenkäfer die Lebensgrundlage entziehen, die Restbestände schützen. Vergeblich. Jetzt sind die Preise im Keller – für einen Festmeter Fichtenholz gibt es noch rund 30 statt 90 bis 100 Euro – und es lohnt nicht, die Stämme rauszuholen. Dann lieber die Natur machen lassen.

In Teilen der toten Fichtenbestände haben Lemgoer im vergangenen Herbst und Winter Laubstreusaat ausgebracht, Material vom Boden der Mischwald-Gebiete, das Samen von Buchen, Kastanien und Eichen enthält. Es soll dafür sorgen, dass unter den Fichten nicht nur neue Fichten hochkommen.

Die Rinde löst sich schon von den abgestorbenen Stämmen.

„Der Wald ist ein lebendes System, das sich selbst ernährt. Da stehen die Nährstoffe der nächsten 40 Jahre“, erklärt Hans-Friedrich Meiercord einen weiteren Nutzen der toten Bäume. Entlang der Wege werde man sie in den nächsten Monaten und Jahren Stück für Stück entfernen, vorerst seien sie aber standfest. Und auch als „Brandbeschleuniger“ für den Wald sieht der Fachmann sie nicht, da die ölhaltigen Nadeln schon abgefallen seien. Auch die Rinde löst sich schon, der Rest brenne nicht mehr so schnell. Und Waldbrände würden ohnehin nicht durch die Bäume, sondern durch unachtsame Menschen verursacht.

Wo die Fichenbestände frühzeitig aufgelockert wurden, ist die neue Generation Laubbäume schon startklar.

Aber wenn so Platz für neuen Mischwald entsteht, war das am Ende nicht sogar gut? Hans-Friedrich Meiercord kann für den restlichen Wald keine Entwarnung geben. „Wir haben kein Waldsterben – noch nicht“, sagt er. Die ersten Buchen zeigten auch schon Trockenschäden. Wenn der Klimawandel so drastisch voranschreite, sei in 30 Jahren der gesamte Wald verloren. Nicht nur schade für Spaziergänger und nicht nur ein finanzieller Verlust für die Stadt, die immerhin 5.000 Kubikmeter Laubholz hier im Jahr erntet und auf dem regionalen Markt verkauft.

Der Wald, so erklärt Hans-Friedrich Meiercord, sei die Klimaanlage der Stadt. Es gebe über den Tag immer wieder Temperaturunterschiede zwischen dem Forst und der Alten Hansestadt zu seinen Füßen. Die Luft kommt in Bewegung, kühle Luft vom Wald gelangt in die Straßen Lemgos. Fällt diese Klimaanlage aus, werden die kommenden heißen Sommer für die Menschen in der Stadt zu einer noch größeren Belastung.

Unterm dichten Laubdach ist man noch an vielen Stellen unterwegs. Ob das so bleibt ist ungewiss.

Dazu ist der Wald ein großer Wasserspeicher, der es überhaupt ermöglicht, dass die Stadtwerke 700.000 Kubikmeter Trinkwasser im Jahr für die Lemgoer bereitstellen können. Sind die Hänge erst kahl, verdunstet der immer spärlicher fallende Niederschlag, das Wasser wird knapp. Und die Qualität leide, da die Bäume dem Wasser vor allem Nitrat entziehen, das sonst aufwendig herausgefiltert werden müsste.

Hans-Friedrich Meiercord betonte, als Förster sehe er die aktuelle Situation auch als Chance. So wurden im Stadtwald Esskastanien zwischen die heimischen Bäume gepflanzt, eine Art aus dem mediterranen und süddeutschen Raum. Sie seien an das Klima angepasst, das hier voraussichtlich in Zukunft herrschen werde. So kann der Wald sich vielleicht noch wappnen für die kommenden Klima-Kapriolen – wenn die nicht allzu heftig werden. Das, betonte Hans-Friedrich Meiercord zum Abschluss, hätten die Menschen in der Hand.

 

Mehr dazu: Lemgo im Klima-Einsatz

 

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