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Roland Linde hat im Auftrag von „Alt Lemgo“ seine Stadtgeschichte fortgesetzt. Eine Entdeckungsreise durch drei Jahrhunderte.

Es ist die Zeit, als Lemgo von der strahlenden Hansestadt zum „Hexennest“ wird – zumindest in der Wahrnehmung späterer Generationen. Aber die Zeit von 1618 bis 1918 prägte die Stadt in vielfacher Hinsicht, und neben finsterer Ereignisse wie Folterungen, Kriege und Pest war es auch ein Aufbruch. „Lemgo auf dem Weg in die Moderne“ ist daher auch der Titel des Werkes.

Denn dieser Aufbruch ist noch sichtbar. Wie schon das erste Buch über die Hansezeit Lemgos begeistert das Folgewerk vor allem durch seine Bilder, die Lust machen, mal wieder mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen. So manches vertraute Bauwerk zeigen die alten Bilder und Fotografien und erzählen seine Geschichte. Manches ist bekannt, anderes überraschend.

Aber der Auftakt ist nicht unbedingt positiv. Das 17. Jahrhundert hätte mancher Lemgoer wohl gerne einfach ausgelassen: Der 30-jährige Krieg suchte die Stadt heim, obwohl die Grafschaft Lippe Neutralität wahrte. Trotzdem wurden mehrfach Soldaten verschiedener Lager in der Stadt einquartiert, eine Belastung für die Bürger und eine Gefahr, da die Stadt insgesamt dreimal eingenommen und geplündert wurde, obwohl die Lemgoer sich eigentlich nur raushalten wollten.

Nach dem Krieg kam die Pest

Im Schlepptau der Soldaten suchte die Pest die Stadt heim. Wie viele Lemgoer starben ist nicht verzeichnet, es sollen aber etliche Häuser verwaist gewesen sein, der Stadt sah man die schweren Jahre laut zeitgenössischen Berichten wohl sehr an.

Das hinderte die Lemgoer nicht daran, selbst die bekannten grausamen Taten aus der Zeit der Hexenverfolgung zu begehen, die der Stadt bis heute einen zweifelhaften Ruhm einbringen. Ein Blick in diese Zeit darf natürlich in keiner Lemgoer Stadtgeschichte fehlen, und der Historiker Roland Linde findet den richtigen Ton: Respektvoll und zurückhaltend, sachlich und doch lebendig.

Aber die Stadt ging in diesen 300 Jahren auch neue Wege. Kaiserzeitliche Gebäude, Schulen, die Industrialisierung – das Lemgo, das wir kennen, entstand. Auch diese Kapitel sind reich bebildert, zeigen faszinierende Szenen aus vergangenen Alltagen in Lemgo, vor allem aus dem reichhaltigen Foto-Archiv der Familie Ohle.

Altes und neues Thema Begatalbahn

Und manches Thema ist erstaunlich aktuell, wie das Ringen um einen Anschluss Lemgos an das Eisenbahn-Netz gemeinsam mit Lage, Barntrup und Hameln. 1896 rollte der erste Zug von Lage in Lemgo ein, am 8. Juli bei lippischem Usselwetter, wie die Regenschirme auf dem alten Foto verraten. Im Oktober 1897 war dann auch die Strecke nach Hameln fertig, die heute nicht mehr regulär befahren wird und deren Teil-Reaktivierung jetzt in Gutachten geprüft wird.

Das Buch hat sich der Verein „Alt Lemgo“ selbst zum 100. Geburtstag geschenkt, ein Jubiläum, das man sich anders vorgestellt hatte, wie der Vorsitzende Dr. Hans-Otto Pollmann etwas wehmütig erzählt. Viele Lemgoer Institutionen und Firmen haben die Entstehung unterstützt, sonst wären die 320 Seiten kaum erschwinglich. So können Lemgoer sich eins der 1100 Exemplare für 25 Euro sichern.

Verkauf im Vereinshaus

Zwei Jahre Arbeit stecken in dem Band: „Da bin ich als Einzelautor schon an meine Grenzen gekommen“, stellt Roland Linde anhand der Fülle an Material fest. Er dankte der Stadt Lemgo für die Unterstützung, vor allem Stadtarchivar Marcel Oeben. Die Lemgoer Stadtgeschichte gebe mehr her, als man zunächst denkt. Darunter auch persönliche Erinnerungen, die als Aufzeichnungen überdauert haben und interessante Perspektiven bieten. „Das ist die Grundlage für das Lemgo das wir heute kennen“, zieht Roland Linde Bilanz.

Und die nächsten hundert Jahre? Noch ist die Stadtgeschichte ja nicht in voller Länge erzählt. Falls es finanziell machbar ist, will Alt Lemgo eine weitere Fortsetzung nicht ausschließen. Zunächst aber ist das neue Buch ab sofort im Buchhandel und im September jeden Samstag von 10 bis 12 Uhr im Vereinshaus von „Alt Lemgo“ in der Breiten Straße 7 erhältlich. Danach öffnet das Vereinshaus wieder an jedem ersten Samstag im Monat, im Oktober allerdings feiertagsbedingt am 10. Oktober.

Mehr über das Jubiläum von "Alt Lemgo": https://mein-lemgo.de/menschengeschichten/865-die-retter-der-giebel (Abo-Beitrag

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