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St. Marien feiert Geburtstag – mit einem Buch. Darin erfahren Leser nicht nur viele Details über Gemeinde und Gebäude, sondern auch über die Stadtgeschichte.

Wie spannend kann die Geschichte einer Kirche schon sein? In Lemgo ziemlich spannend, und St. Marien ist dafür nur ein Beispiel. „Diese Kirche ist wie ein brennender Dornbusch. Sie war immer wieder einsturzgefährdet und steht trotzdem seit 700 Jahren“, fasst es Pastor Matthias Altevogt zusammen. Denn der Baugrund dort ist feucht und für eine gotische Steinkirche alles andere als optimal. Schon in der Bauphase musste daher so mancher Plan über den Haufen geworfen werden. In den 90ern musste die Gemeinde zuletzt um die Standsicherheit ihres Gotteshauses bangen.

Im neuen Buch über die Kirche geht es außerdem um Hexenverfolgung, brüskierte Nonnen und ein regelrechtes Wettrüsten in Sachen Ausstattung und Mobiliar. Dazu erfahren Leser viele neue Details über die Stadtgeschichte und ein (fast) verschwundenes Kloster. Das Buch muss in diesem Jahr die Feierlichkeiten zum "Geburtstag" der Kirche ersetzen, die meisten Veranstlatungen sind auf 2021 verschoben.

Vor 700 Jahren, also 1320, wurde die Kirche St. Marien geweiht. Eine lange Geschichte, die auch Zeit für die Aufarbeitung braucht. 18 Jahre ist es her, dass bei einer Visitation auffiel, dass es gar keine Gemeindechronik von St. Marien gab. Dr. Gerhard und Kuebart und der inzwischen verstorbene Prof. Günter Laue begannen zu recherchieren. Mit Hermann Frische machte sich ein weiteres Gemeindemitglied an die Arbeit, und als nun die Veröffentlichung in Buchform zum Jubiläum in Aussicht war, konnten weitere Experten hinzugewonnen werden. Beeindruckende Fotos von Gerhard Milting runden den Lesegenuss ab.

Eine Kirche für Lemgo 2.0

So blickt das Buch „St. Marien zu Lemgo“ aus verschiedenen Blickwinkeln auf die Kirche und ihre Geschichte. Dr. Vera Lüpkes, Direktorin des Weserrenaissance-Museums Schloss Brake, hat die Vorgeschichte und die Bedingungen zur Gründungs- und Bauzeit aufgearbeitet – jene merkwürdig erscheinende Epoche in Lemgos Vergangenheit, als es die Stadt zweimal gab. Denn mit der Neustadt entstand eine eigenständige Stadt mit Rathaus, Markt und eben eigener Kirche. Später gab es auch in Lemgo einen „Mauerfall“, der die beiden Städte vereinte.

Gerhard Kuebart hat seine Gemeindechronik beigesteuert, eine enorme Fleißarbeit, in der etliche Quellen zu vielen Detailfragen ausgearbeitet wurden – abgerundet mit einer Liste aller St. Marien-Pfarrer seit der Reformation bis heute. Roland Linde hat die Arbeit von Günter Laue fortgeführt und sich mit der Rolle der Kirche und der Gemeinde in der Hexenverfolgung auseinandergesetzt. Zu St. Marien gehörten Opfer und Täter, und mancher hat hier bis heute sichtbare Spuren hinterlassen.

Auf den Spuren der Nonnen

Dr. Heiner Borggrefe vom Weserrenaissance-Museum hat die teilweise nervenaufreibende Baugeschichte dargestellt. Hatte man es hier ja nicht nur mit wenig tragfähigem Untergrund zu tun, sondern wohl auch noch mit Geiz und Schlamperei – deshalb ist das gesamte, eigentlich durchaus prachtvolle Kirchenschiff heute krumm und schief, und der Turm steht nicht da, wo er stehen sollte. Und zahlreiche Auseinandersetzungen prägten das Erscheinungsbild der Kirche. So haben Nonnen als Reaktion auf die Reformation auf ihrer Empore – wo heute die Ott-Orgel steht – eine Art Hütte gebaut, eine Kirche in der Kirche. Historische Fotos zeigen alte Einbauten, die längst verschwunden sind.

Schon in der Bauzeit siedelten sich die Dominikanerinnen in Lemgo an, trieben den Bau voran und errichteten daneben ihr Kloster. Von all seinen Gebäuden inklusive Kreuzgang ist heute viel verloren, bei Grabungen konnten aber Einblicke in das Leben der Nonnen und späteren Stiftsdamen gewonnen werden. Darüber berichten Dr. Elke Treude und Johannes Müller-Kissing vom Lippischen Landesmuseum.

Die letzten drei Kapitel widmen sich der Musik in St. Marien, die bis heute eine große Rolle spielt – schon zur Zeit des Nonnenklosters. Neben dem Musikwissenschaftler Arno Paduch und Vera Lüpkes haben die Lemgoer Kantoren Rainer Homburg (im Amt bis 2010) und sein Nachfolger Volker Jänig sowie der langjährige Kantorei-Sänger Hermann Frische etwas zu diesem Thema beigetragen. Denn 2021 steht das nächste Jubiläum an: Dann wird die Marien-Kantorei 75 Jahre alt.

Das Buch „St. Marien zu Lemgo“ ist für 24 Euro im Buchhandel oder über das Gemeindebüro St. Marien erhältlich.